FLS 1912 - Bildbeschreibung
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Schach und Computer

Das Ölgemälde "Freiluftschach 1912" ist auch eine Standortbestimmung. Es ist eine Dokumentation des Schachspiels im 20. Jahrhundert. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Gemäldes (1990) haben die Computer der menschlichen Intelligenz und Kreativität die Schachkrone noch nicht entrissen, wenngleich es aber ziemlich sicher scheint, dass dies noch im 20. Jahrhundert (vielleicht schon in wenigen Jahren) der Fall sein wird. Die Schachweltmeister und Supergroßmeister halten noch wacker die letzten Bastionen gegen den Computer. 

Die Marshalls, Capablancas, Alchejins, Tals, Fischers und Morphys der vergangenen Ära konnten noch wunderschöne Kombinationen aufs Brett zaubern, ohne dass der "Kollege" Computer jeden Zug innerhalb von Sekunden sofort auf Korrektheit überprüfte. Heute weisen die Computer selbst Schachweltmeistern binnen kürzester Zeit Fehler oder schwache Züge nach und entzaubern somit auch ein wenig die genialen und im Grunde  nicht vorstellbaren Geistesleitungen dieser Schachgrößen. 

  Schach und Kommunikation 

Dennoch ist das Gemälde "Freiluftschach 1912" keine Botschaft gegen Schachcomputer. Ganz im Gegenteil, denn zweifellos erlebt das Schachspiel gerade im 20. Jahrhundert einen Aufschwung sondergleichen. Aber das, was heute durch die Schachcomputer möglich ist, nämlich das Spielen ohne menschlichen Partner, das war noch zur Zeit Marshalls unvorstellbar. Damals musste man zum Schachspielen einen Partner haben. Man musste also Kommunikation pflegen. Aus dieser Kommunikation ergaben sich viele tiefe Freundschaften. Man verbrachte auch viel Zeit gemeinsam vor dem Spielbrett, sei es zum Spielen oder zum Analysieren. Auf alle Fälle waren es immer sehr menschliche Kontakte. Und genau dies, nämlich den menschlichen Kontakt zu pflegen, das sollten wir in unserer Zeit nicht vergessen.

Computer ja - als Trainer und Zeitvertreib - aber nicht, um sich dadurch vom menschlichen Kontakt, vom ursprünglichen "Zusammenkommen" abzusondern. Diese Kommunikationsfunktion des Schachspiels zeigt das Gemälde "Freiluftschach 1912" wie kein anderes Schachbild. 

 

  Die Kunst der Kombination

Großmeister Frank James MarshallGerade der amerikanische Schach-Großmeister Frank James Marshall war ein Kombinationskünstler par excellance. Von einer seiner glanzvollen und schwunghaften Partien stammt auch die abgebildete Stellung.
Frank J. Marshall wurde am 10. August 1877 in New York City geboren. In seiner Kindheit zogen die Eltern mit ihm nach Kanada (Montreal) und er lernte dort mit 8 oder 9 Jahren Schach spielen.   Danach konzentrierte er sich sehr stark auf Schach und ließ die Schule eher links liegen. Bald zog er wieder zurück nach New York und gewann bereits als 15-Jähriger die Clubmeisterschaft des Manhattan-Schachclubs. Er wurde dann schon mit 16 Jahren Berufsschachspieler. Er war ein absoluter Angriffsspieler, der in jeder Partie diskussionslos auf Sieg spielte und kombinierte ausgezeichnet. Im Jahr 1904 feierte er einen sehr großen Erfolg: Er gewann das starke Turnier in Cambridge Springs vor dem damaligen Weltmeister Lasker. Dann folgten Turniersiege in Scheveningen 1905,  Nürnberg 1906, Düsseldorf 1908 und Havanna 1913 (er siegte in Kuba sogar vor dem großen Capablanca!!!!). Er gewann gegen alle großen Schachspieler der damaligen Zeit. Von 1906 - 1936 war er Schachmeister der USA, also 30 Jahre lang! 

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  Warum diese Schachstellung?

Es gibt zahlreiche Gemälde, die sich mit dem einfachen Kontrast zwischen schwarzen und weißen Feldern und Figuren befassen. In diese Kategorie sollte dieses Gemälde nicht fallen. Es sollte eine Reihe von schwierigen Kriterien erfüllen. Natürlich sind bei rein optischen Kriterien wesentlich leichter Motive zu finden und umzusetzen. Die üblichen Schwarz-weiß-Kontraste bieten sich ja geradezu an und finden sich demnach auch in zahlreichen Gemälden, Zeichnungen, Prospekten, Flugblättern, Inseraten etc....  oft auch als Werbemotive wieder. 

Bei schachlich hochstehenden Anforderungen ist es schon schwieriger. Eine geistreiche und womöglich historisch interessante Stellung zu finden, ist naturgemäß schon etwas anspruchsvoller, als einfach nur schwarze und weiße Felder und dazupassende Figuren zu malen.
(Texte: Wolfgang Hauptwall, 1990)


Zur Geschichte der Partie sowie zu
den Auswahlkriterien geht es hier weiter >>>. 

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